Interview mit COVENANT von rene (2002-10-15)



Die Rückkehr in die Hafenstadt

"Call the Ships to Port" heißt die neue Single, mit der Covenant im Spätsommer nach längerer Pause wieder Kurs auf die Clubbühnen genommen haben. Am 19. November 2002 legt das schwedische Flaggschiff schließlich in der Markthalle Hamburg an. Im Gepäck haben die drei sympathischen Schweden ihr neues Album "Northern Light", das noch stärker als seine Vorgänger von inhaltlicher Tiefe und abwechslungsreichen Synthieklängen geprägt ist. Kein Wunder, schließlich hat sich bei Covenant auch eine ganze Menge getan, wie uns Joakim Montelius versichert.

Living Dead: Joakim, du rufst gerade aus Barcelona an, stimmt's? Was hat dich denn so weit in den Süden verschlagen?

Joakim: Der Wunsch, mal raus zu kommen. Eigentlich bin ich gar kein so großer Spanien-Fan. Aber ich finde die Stadt toll. Barcelona ist einfach eine sehr lebendige Metropole, in der viele Nationalitäten und genauso viele musikalische Einflüsse aufeinanderstoßen. Das ist sehr spannend. Zuhause ist mir echt die Decke auf den Kopf gefallen. So bequem es in Schweden auch ist, man stößt schnell an Grenzen. Eskil ist deswegen ja schon vor 1 1/2 Jahren zu euch nach Berlin gezogen.

Living Dead: Wie wirken sich solche Distanzen denn auf die kreative Arbeit aus?

Joakim: Nicht so dramatisch, wie man vielleicht annimmt. Wir sind ja per Telefon und E-Mail im ständigen Kontakt. Es hat sogar etwas Gutes, denn jeder hat die Muse, in Ruhe über seine Arbeit nachzudenken bzw. mit Leuten über die Musik zu sprechen, die eben nicht schon seit Jahren mit Covenant verbandelt sind. Ich habe die Songs einmal hier in meiner WG vorgespielt - da kamen ganz andere Reaktionen als ich von Zuhause gewohnt war.

Living Dead: Das neue Album "Northern Light" zeigt euch von einer sehr reifen Seite und setzt die Entwicklung der Band überzeugend fort. Wie beurteilst du eigentlich rückblickend eure Karriere?

Joakim: Immer wieder voller Überraschung. Wer hätte schon erwartet, dass drei Amateure aus einer kleinen schwedischen Stadt so lange durchhalten können? Sicher niemand. Trotzdem haben wir jetzt unser fünftes Album veröffentlichen können. Vielleicht kommt der Erfolg daher, dass wir immer versucht haben, einen eigenen Stil zu entwickeln. Den brauchen wir schließlich, denn Covenant ist nichts anderes als ein Ausdrucksmittel. In der Band verwirklichen wir uns selbst. Insofern hat uns nicht unbedingt der Wunsch, Karriere zu machen vorangetrieben. Es ist mehr der Wille, sich weiter zu entwickeln.

Living Dead: Das hört man. "Northern Light" wirkt insgesamt viel harmonischer und ruhiger als "United States of Mind", das ja eher technolastig und tanzbar war.

Joakim: Da hast du wohl Recht. Wir lassen uns gern von Trends inspirieren. Doch zu der Zeit, als wir die Songs für "Northern Light" geschrieben haben, gab es einfach keine interessante Dance-Music. Deshalb steht sie diesmal eher im Hintergrund. Außerdem haben wir festgestellt, dass gerade unsere langsameren Stücke gut ankommen. Also haben wir dafür etwas mehr mit Harmonien gearbeitet.

Living Dead: Heißt das, dass Covenant jetzt Inhalte gegen Tanzbarkeit ersetzen?

Joakim: Wir versuchen es zumindest. Emotionen musikalisch umzusetzen ist ja viel schwieriger, als nur an der Beatzahl zu drehen. Aber man braucht schon etwas Erfahrung, um die feinen Nuancen zu erkennen. Das Album hat dadurch sehr viel Soul bekommen. Ja, ich glaube, man kann sagen, dass "Northern Light" versucht, die Bodenständigkeit von Soul und Blues auszudrücken. Eben nur auf elektronischem Wege.

Living Dead: Kam dieser Vorstoß von Jacob Hellner? Immerhin hat er auch schon Rockgrößen wie Rammstein oder Clawfinger produziert.

Joakim: Die Wahl des Produzenten ist mehr aus persönlichen Gründen erfolgt. Eskil hat Jakob ins Spiel gebracht, weil er total auf Rammstein steht. Also haben wir uns mit ihm getroffen und festgestellt, dass er ein wirklich netter Kerl ist. Er ist Musik insgesamt sehr aufgeschlossen und kann sich sehr gut in die Rolle des Musikers hineinversetzen. Das war uns wichtig. Außerdem ist er auch Schwede, was die Zusammenarbeit natürlich zusätzlich erleichtert.

Living Dead: Das Intro "Monochrome" lässt dem Titel nach auf eine einseitige Umsetzung schließen. Tatsächlich ist die Platte aber sehr vielschichtig. Gibt es ein Konzept hinter "Northern Light"?

Joakim: Nein, wir haben das Album nicht konzeptionell aufbereitet. Es geht eher darum, möglichst viele verschiedene Gefühle auszudrücken. Zum Beispiel spielen Eskils und mein Weggang aus Schweden in einigen Stücken eine Rolle. Am deutlichsten wird das in dem Lied "Prometheus", das zu einem sehr persönlichen Befreiungsschlag geworden ist. Die Texte sind insgesamt subtiler, weil wir immer wieder übergeordnete Emotionen oder Metaphern verwendet haben. Und das macht den Gesamteindruck vermutlich menschlicher, als man von einer kühlen Elektronikband erwarten würde.

Living Dead: Vor kurzem ist eure neue Single erschienen. Worum geht es in "Call The Ships To Port"?

Joakim: Das ist nicht ganz leicht zu erkennen, ich weiß. Der Song hat nämlich mehrere Handlungsebenen. Erstmal ist da dieser Segler: ein Symbol für die übergeordnete Kraft einer Person oder eines Ortes. Dem gegenüber steht eine imaginäre Gesellschaft in Form des Erzählers. Plötzlich führt das Schicksal beide Ebenen zusammen, indem die Kraft verschwindet. Ihre Abwesenheit wird zu einem Fluch - bis der Segler am Ende zurückkehrt und alle rettet. Der Song beschreibt nichts anderes als die Hoffnung. Und die spielt ja gerade in der heutigen Zeit für viele Menschen wieder eine sehr große Rolle.

Living Dead: Die Single ist ja auch ziemlich umfangreich ausgefallen.

Joakim: Ja, wir haben eine ganze Reihe Remixe machen lassen. Die waren dann alle so gut, dass gar kein Platz mehr für eine B-Seite geblieben ist. Einen Mix hat Christian Morgenstern gemacht, andere Beiträge kommen von Thomas P. Heckmann, Keylab, Oliver Klitzing und Dupont - die Club Version stammt übrigens von Eskil. Und für die Sammler und DJs gibt es zwei Vinyl-Maxis.

Living Dead: Im Herbst kommt ihr wieder auf Tour. Was dürfen wir erwarten?

Joakim: Eine Menge. Wir haben einen tollen jungen Designer kennengelernt, der unser Bühnendesign entwerfen wird. Es soll wie eine Theaterkulisse aussehen. Mit Screens aus verschiedenen Materialien, die wir dann anstrahlen können. Wir wollen ein bisschen mit Perspektiven und optischen Effekten spielen. Es soll eben alles ein bisschen spannender werden.

Living Dead: Am 19. November werdet ihr auch in Hamburg spielen. Verbindest du etwas bestimmtes mit der Stadt?

Joakim: Oh Shit, ja, den GAMA. There was a big technological fuck-up. Wir sollten zwischen den Preisverleihungen auftreten, aber die Anlage viel aus. Eskil hat das beste daraus gemacht und unplugged weiter gesungen. Ich habe mir mal die Aufnahme angehört. Grandios! Ansonsten schätze ich Hamburg aber sehr. Es ist eine wirklich schöne Stadt, in der wir schon viele sehr nette Menschen kennengelernt haben. Und wir freuen uns alle auf diesen Abend.

[Elmar Klemm]